Superfoods – gar nicht so super?

Superfoods werden immer beliebter. Sie werden in Form von Beeren, Pulvern, Extrakten oder Samen angeboten und versprechen wundersame Wirkungen. So soll z.B. Pulver aus den Blättern des „Wunder-„Baumes Moringa oleifera den Alterungsprozess verlangsamen, Gojibeeren sollen zusätzlich das Immunsystem stärken und die Blutfettwerte verbessern. Chiasamen sollen vor Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall und Diabetes schützen. Häufig werden Superfoods auch mit dem sogenannten ORAC-Wert beworben. ORAC steht für ‚Oxygen Radical Absorbance Capacity‘ und gibt die Fähigkeit eines Lebensmittels an, freie Radikale abzufangen. Freie Radikale sind sozusagen die Randalierer in unserem Körper, denn wenn sie in Kontakt mit Zellbestandteilen kommen, wirken sie zerstörerisch. Dies ist vor allem für unsere DNA gefährlich, denn wenn sie geschädigt wird, kann es zur Entstehung von Krebs kommen. Superfoods weisen häufig hohe ORAC-Werte auf und sollen somit eine krebsschützende Wirkung haben. Nimmt man all diese Eigenschaften zusammen, scheinen Superfoods wirklich „super“ zu sein. Doch trifft dies wirklich zu?

Ökotest hat 22 Superfoods getestet

Die Zeitschrift Ökotest hat 22 Superfoods genauer unter die Lupe genommen und u.a. auf Schadstoffe geprüft. Das Ergebnis ist erschreckend: Nur 2 von 22 getesteten Produkten erhalten ein „sehr gut“ bzw. „gut“, mehr als zwei Drittel (!) fallen mit einem „ungenügend“ oder „mangelhaft“ durch. Zwei Produkte müssen ganz aus dem Verkauf genommen werden. Dabei bemängelte Ökotest vor allem sechs große Punkte: Pestizide, Mineralöle, PAK, Schwermetalle (Blei, Cadmium), Hygienemängel und unhaltbare Versprechungen.

Pestizide

Pestizide wurden vor allem in Chiasamen, Weizen- und Gerstengraspulvern sowie Moringapulvern und Gojibeeren gefunden. Pestizide sind mit zahlreichen Krebsarten assoziiert, so z.B. Blut- Nieren-, Brust-, Prostata-, Leber-, Lungen- und Hautkrebs sowie Hirntumoren 1.
Auch das Risiko für andere Hirnerkrankungen wie z.B. Parkinson 2 und Demenz 3 steigt mit einer Aufnahme von Pestiziden. Pestizide haben auch einen Einfluss auf die Fortpflanzung: Sie verschlechtern die Fruchtbarkeit von Männern 4 und schädigen auch das Ungeborene. Neben einem erhöhten Krebsrisiko kommt es bei einer verstärkten Aufnahme von Pestiziden auch zu Geburtsfehlern und einer erhöhten Sterblichkeit des Fötus 5.

Zwar werden für jedes Lebensmittel Grenzwerte festgelegt, um eine zu hohe Pestizidbelastung für den Konsumenten auszuschließen, aber diese Grenzwertberechnung wird auf der Basis von Studien getroffen, die nur die Wirkung von je einem einzigen Pestizid untersuchen. In Lebensmitteln treffen jedoch häufig mehrere Pestizide aufeinander, wie z.B. in den Dragon Superfoods Gojibeeren, in dem ganze 16 (!) Pestizide gefunden wurden. Welche Wirkung derartige Pestizid-Cocktails haben, ist gänzlich unbekannt und auch schwierig in Studien zu ermitteln. Besser ist es, man verzichtet von vornherein auf Produkte, die Pestizide enthalten – was nun nach der aktuellen Analyse von Ökotest leider auch viele Superfoods betrifft.

Mineralöle

Von 22 getesteten Produkten waren nur fünf frei von Mineralölen. Bei den Mineralölen unterscheidet man u.a. gesättigte Mineralöle (MOSH) und aromatische Mineralöle (MOAH). Mineralöle können sich im Körperfett und in Organen anreichern. Im Tierexperiment zeigte sich, dass diese Ablagerungen zu Schäden in Leber und Lymphknoten füren kann. Bislang liegen noch keine Studien zur Giftigkeit im Menschen vor, aber laut dem Bundesinstitut für Risikobewertung kann eine krebserregende Wirkung zumindest von den MOAH nicht ausgeschlossen werden 6.

PAK

PAK sind polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, die in Kohle, Erdöl, Teer, Asphalt, Autoabgasen, Zigarettenrauch und gebratenem Fleisch vorkommen können. Sie sind nachweislich krebserregend 7 und stehen auch im Verdacht, durch die Erzeugung von oxidativem Stress das Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen zu erhöhen 8. Dies wirkt ironisch, versprechen doch viele Superfoods eine antioxidative Wirkung. So enthielten laut Ökotest Gojibeeren, Spirulina und Weizengras erhöhte Mengen, alle anderen getesteten Produkte enthielten zumindest Spuren.

Schwermetalle

Unter den gefundenen Schwermetallen sind vor allem Cadmium und Blei zu nennen. Beide Schwermetalle können sich ebenfalls im Körper anreichern und dort zu einer Schädigung des zentralen und peripheren Nervensystems, der Nieren, des Magen-Darm-Systems und des blutbildenden Systems führen 9. Beide gelten zudem als krebserregend 10. Ökotest hat diejenigen Superfoods abgewertet, die pro Portion den Blei-Grenzwert für einen Liter Trinkwasser (10 µg) überschreiten. Darunter waren vor allem Gojibeeren, Spirulina und Moringa-Pulver. Cadmium-belastet waren die beiden getesteten Kakaopulver.

Hygienemängel

In zwei Hanfsamenprodukten wurden Schimmelpilze gefunden, die zeigen, dass Hygienemängel vorliegen. Einige Schimmelpilze produzieren zudem krebserregende Gifte. In anderen Produkten wurden zudem Bakterien gefunden, die Durchfall und Erbrechen auslösen können.

Falsche Versprechen

Wie in der Einleitung bereits genannt, werben viele Hersteller von Superfoods mit dem sogenannten ORAC-Wert. Er besagt jedoch lediglich, wie viele Radikale ein Lebensmittel im Reagenzglas abfangen kann, jedoch nicht, ob dies auch im menschlichen Körper funktioniert. Denn jedes Lebensmittel unterliegt durch die Verdauung zahlreichen Veränderungen und wird in Stoffe umgewandelt, für die jeweils andere Eigenschaften gelten. Demnach ist die Werbung mit dem ORAC-Wert irreführend.

Chiasamen enthalten zwar 10 mal mehr Omega-3-Fettsäuren als Lachs pro 100 g, da man aber pro Tag nur 15 g Chiasamen essen sollte, relativiert sich die Menge.

Moringapulver soll 15 mal so viel Kalium wie Bananen, 17 mal so viel Calcium wie Milch, 25 mal so viel Eisen wie Spinat enthalten – was aber nur stimmt, wenn man das Pulver mit den frischen Produkten vergleicht. Wenn man Bananen, Milch und Spinat in dieselbe Kategorie setzt – nämlich das Pulverprodukt – schneidet Moringa viel schlechter ab.

Gojibeeren sollen eine Vitamin-C-Bombe sein, wobei jedoch eine einzige Orange 16 mal so viel Vitamin C enthält wie eine Portion (30 g) Gojibeeren.

Die Acai-Beere wird häufig für ihren Gehalt an Anthocyanen, krebsvorbeugenden Pflanzenstoffen, beworben. Diese findet man jedoch auch in heimischen Beeren wie Heidelbeeren, schwarzen Johannisbeeren, Brombeeren und vielen weiteren Lebensmitteln.

Meine Empfehlungen

Zusammenfassend ist zu sagen, dass Superfoods sehr kritisch betrachtet werden müssen. Sie sind nicht nur teurer als „reguläre“ Lebensmittel, sondern teilweise gesundheitsschädlich und können ihre Versprechen nicht einhalten. Heimische Lebensmittel können hier durchaus mithalten. Superfoods bergen zudem auch die Gefahr, dass man sein schlechtes Gewissen in Bezug auf die eigene Ernährung beruhigt, wenn man mal ein Pulver hier, eine Gojibeere da zu sich nimmt. Sie ersetzen aber keinesfalls eine gesunde, ausgewogene Ernährung. Anstatt auf einzelne Super„foods“ zu bauen, sollte man sich bemühen, seine allgemeine Ernährungsweise „super“ zu gestalten, d.h. auf der Basis von viel Gemüse und Obst aufzubauen, abwechslungsreich und vor allem bunt zu essen.

Für alle, die dennoch auf „besondere“ Lebensmittel in ihrer Ernährung nicht verzichten möchten, hier meine Empfehlungen:

Gojibeeren: Hier sind die Gojibeeren von Morgenland (Bioladen) zu empfehlen. Ansonsten können alle heimischen Beeren sowie Obstsorten in puncto Vitamingehalt durchaus mit Gojibeeren mithalten.

Gerstengras/Weizengras/Spirulina: Wem es um das enthaltene Chlorophyll geht, kann auch einfach auf grüne Gemüse wie z.B. Babyspinat, Grünkohl, Feldsalat etc. zurückgreifen, möglichst in Bioqualität, um die Pestizidbelastung gering zu halten. Ansonsten gibt es auch die Möglichkeit, Gerstengras oder Weizengras bei sich zuhause anzubauen. So kann man zumindest eine Belastung mit Pestiziden, PAK und Mineralölen ausschließen.

Moringa: Neben den nicht haltbaren Versprechen bzgl. Mineralstoffen wird Moringa auch häufig wegen der enthaltenen Senfölglykoside beworben, die vor Krebs schützen sollen. Auch diese Stoffe sind in heimischen Gemüsesorten wie Brokkoli, Rucola, Senf etc. enthalten. Ein ganz besonderes Superfood, das diesen Namen meiner Meinung nach auch wirklich verdient hat, sind selbst gezogene Brokkolisprossen (mehr dazu hier nachzulesen).

Chiasamen/Hanfsamen: Laut Ökotest nicht zu empfehlen. Stattdessen kann man hier auf die heimischen Leinsamen zurückgreifen, die in puncto Sättigung, Mineralstoffe und Omega-3-Fettsäuren durchaus mit den Chiasamen mithalten können. Allerdings sollte man hier ebenfalls nicht mehr als 20 g pro Tag verzehren, da die Leinpflanze ebenfalls die „Fähigkeit“ besitzt, Schwermetalle anzureichern. Auch Sesam, Mohn, Sonnenblumenkerne und Nüsse sind eine weniger exotische Alternative. Auch hier gilt: In kleinen Mengen verzehren, viel abwechseln.

Habt ihr noch Fragen zu Superfoods? Schreibt sie gern in die Kommentare! 🙂

Quellen:

  1. Gilden RC, Huffling K, Sattler B (2010). „Pesticides and health risks“. J Obstet Gynecol Neonatal Nurs (Review) 39 (1): 103–10.
  2. Ascherio A, Chen H, Weisskopf MG, O’Reilly E, McCullough ML, Calle EE, Schwarzschild MA, Thun MJ (2006). „Pesticide exposure and risk for Parkinson’s disease“. Annals of Neurology 60 (2): 197–203.
  3. Baldi I, Gruber A, Rondeau V, Lebailly P, Brochard P, Fabrigoule C (November 2010). „Neurobehavioral effects of long-term exposure to pesticides: results from the 4-year follow-up of the PHYTONER Study“. Occup Environ Med 68 (2): 108–115.
  4. Sheiner EK, Sheiner E, Hammel RD, Potashnik G, Carel R (April 2003). „Effect of occupational exposures on male fertility: literature review“. Ind Health 41 (2): 55–62.
  5. Sanborn M, Kerr KJ, Sanin LH, Cole DC, Bassil KL, Vakil C (October 2007).“Non-cancer health effects of pesticides: systematic review and implications for family doctors“. Can Fam Physician 53 (10): 1712–20.
  6. http://www.bfr.bund.de/de/fragen_und_antworten_zu_mineraloel_uebergaengen_aus_verpackungsmaterialien_auf_lebensmittel-50470.html#topic_132265, abgerufen am 10.04.2016
  7. Baird, W. M.; Hooven, L. A.; Mahadevan, B. (2005). „Carcinogenic polycyclic aromatic hydrocarbon-DNA adducts and mechanism of action“. Environmental and Molecular Mutagenesis 45 (2-3): 106–114.
  8. Ramos, Kenneth S.; Moorthy, Bhagavatula (2005). „Bioactivation of Polycyclic Aromatic Hydrocarbon Carcinogens within the vascular Wall: Implications for Human Atherogenesis“. Drug Metabolism Reviews 37 (4): 595–610.
  9. Leitfaden zur Anwendung umweltverträglicher Stoffe. Umweltbundesamt, Februar 2003.
  10. IARC 1993: Monographs on the Evaluation of Carcinogenic Risks to Humans, Vol 58, Beryllium, Cadmium, Mercury, and Exposures in the Glass Manufacturing Industry, Lyon.
Linda Weißer

Linda Weißer studiert Humanmedizin und arbeitet als Ernährungsberaterin. Auf ihrem Blog alimonia.net und ihren Social-Media-Kanälen schreibt sie wissenschaftlich fundiert über Ernährungsthemen, berichtet über News aus der Forschung und deckt Ernährungsmythen auf. Sie ist ambitionierte Läuferin und Kraftsportlerin und ist dabei komplett "powered by plants", denn sie ernährt sich vegan. Als begeisterte Hobby-Köchin liebt sie es, frisch zu kochen und das Ergebnis mit ihren Lesern zu teilen.

No Comments Yet

Leave a Reply

Your email address will not be published.